Warum fällt uns das Loslassen so schwer?
Wir halten fest an Menschen, Situationen, Überzeugungen, Gewohnheiten,
die uns nicht gut tun oder sogar am Schmerz – selbst wenn alles uns eher
schadet und es eigentlich Vergangenheit ist.
Loslassen ist eines der wichtigsten und schwersten Menschheitsthemen,
denn am Ende unseres Lebens müssen wir alle loslassen.
Da macht es doch Sinn, sich schon im Zwischenraum Leben dem Thema
bewusst zu widmen, denn in unserem Leben finden sehr oft kleine und
größere Sterbeprozesse (Loslassprozesse) als Übungsfelder statt.
Zwei simple unbewusste Beispiele sind, wenn wir aus Kindergartenzeit
in die Schule kommen, aus der fruchtbaren Zeit in die Wechseljahre,
uns andere Kleidungsstile aneignen – auch das sind Loslassübungen.
Herausforderndere Loslassprozesse sind das Beenden einer Beziehung
oder eines Berufes oder der wirkliche Verlust eines geliebten Menschen.
Beim Loslassen geht es darum, uns den Emotionen zu widmen, die uns
daran hindern loszulassen, wie Trauer, Schmerz oder vor allem Ängste.
Es kostet sehr viel Lebensenergie nicht loszulassen und an diesen
Gefühlen – oft unbewusst – festzuhalten.
Angst, den Schmerz zu fühlen, Angst das Gewohnte loszulassen, Angst
vor dem Unbekannten, Angst vor der Veränderung – keinen Schritt
weiterzugehen – das kostet Kraft.
Wir müssten das Gewohnte, die vermeintliche Sicherheit loslassen und
eintauchen in etwas, was wir noch nicht kennen, in etwas Unbekanntes,
und das macht Angst – und das ist unser Sterbeprozess!
Echtes Loslassen geht immer mit Trauer einher. Es ist mit Trauer
verbunden und gleichsam heilsam auch Erwartungen und Vorstellungen
loszulassen, z. B. eine Vorstellung, wie unsere Mutter hätte sein
sollen, wie wir sie gebraucht hätten.
Der Raum für Trauer ist wichtig und ein Türöffner für Akzeptanz und
Frieden. Trauer ist die heilsame Antwort auf Verlust und eine
Begleiterin des Loslassprozesses. Trauer ist die Würdigung dessen,
was war oder auch, was nicht war und auch die Würdigung dessen, was
nicht sein sollte. Zu trauern und somit loszulassen bringt uns
Heilung. Trauer ist ein großer Teil der Heilung – und das kann sehr
lange dauern.
Loslassen, trauern und heilen ist kein linearer Prozess, sondern
verläuft immer in Wellen. Und dazwischen dürfen wir auch Freude
empfinden und Dankbarkeit.
Manchmal entsteht ein Gefühl der Leere, aber die Leere ist der
Geburtsort für Neues. Für neue Möglichkeiten, für einen neuen
Menschen, für einen neuen Beruf, für neue Gewohnheiten oder für
einen neuen Lebensabschnitt.
In meiner 5-jährigen Ausbildung „Spirituelle Sterbebegleitung" im
Heilhaus Kassel haben wir uns dem Thema Loslassen intensiv gewidmet.
In meinem Leben gab es sehr viele Loslassprozesse durch traurige
Verluste. Dieses Thema nehme ich daher gerne in Workshops und auch
im Herbst in die Yogagruppen mit hinein.
Zum Loslassen gehört auch das große Thema Verzeihen. Dazu schreibe
ich aber etwas in einem anderen Blogbeitrag.